{"id":43,"date":"2015-10-15T14:47:52","date_gmt":"2015-10-15T12:47:52","guid":{"rendered":"http:\/\/habitat-forum-berlin.de\/?page_id=43&#038;lang=de"},"modified":"2016-01-15T11:53:35","modified_gmt":"2016-01-15T10:53:35","slug":"philosophie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/habitat-forum-berlin.de\/de\/seite\/philosophie.html","title":{"rendered":"Philosophie"},"content":{"rendered":"<p id=\"page-title\" class=\"title\">Was hei\u00dft es, im 21. Jahrhundert <em>Habitat<\/em> zum Thema der eigenen akademischen, praktischen, k\u00fcnstlerischen, freiwilligen, Arbeit zu machen? In einem Jahrhundert, welches das so modische wie vage Adjektiv \u201eurban\u201c verdient hat? Und, z\u00e4hlt \u201eHabitat\u201c \u00fcberhaupt noch in einer von verbreiteter gew\u00e4hlter oder gezwungener Heimatlosigkeit gepr\u00e4gten Welt? Dem Habitat Forum Berlin stellen sich diese Fragen zwangsl\u00e4ufig, verk\u00f6rperte es bei seiner Gr\u00fcndung eine gewisse Haltung zum Thema, die angesichts fortw\u00e4hrender Entwicklungen stets zu \u00fcberpr\u00fcfen ist.<\/p>\n<div id=\"main-content\" class=\"region clear-block\">\n<div id=\"node-8\" class=\"node node-type-page build-mode-full\">\n<div class=\"node-inner\">\n<div class=\"content\">\n<p>Aber sie stellen sich mit derselben Dringlichkeit all denjenigen, die den Stand globalen Wohnens mit Sorge und Wut betrachten.<\/p>\n<p>Die Fragen indessen, die sich heutige \u201eHabitat-Experten\u201c allt\u00e4glich stellen, sind eher interventiver und technischer Natur: Wie lassen sich die Abf\u00e4lle zunehmend konsumfreudiger urbaner Mittelschichten in Schwellenl\u00e4ndern <em>entsorgen<\/em>? &#8230;Massen von st\u00e4dtischen Armen <em>unterbringen<\/em>? &#8230;und von Naturkatastrophen zerst\u00f6rte D\u00f6rfer so schnell wie m\u00f6glich (und nebenbei auch partizipativ, bitte sch\u00f6n!) wieder <em>herstellen<\/em>? Den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erhebend, haben sie eine Anzahl von Themen ausdifferenziert \u2013 housing (the poor), Infrastruktur, Management, \u00f6kologisches Bauen, Nachhaltigkeit&#8230; \u2013, spezifische Arbeitsfelder geschaffen und daf\u00fcr verantwortliche Institutionen installiert. Angesichts der Ausma\u00dfe der Probleme vor allem in Megacities und in sich durch Massenanbau und Industrialisierung ver\u00e4ndernden l\u00e4ndlichen Gebieten k\u00f6nnte dieser Pragmatismus, dieses Bestreben nach <em>effizienten<\/em> L\u00f6sungen, als verst\u00e4ndlich erscheinen. Was de facto produziert wird sind jedoch schnelle L\u00f6sungen zu niedrigsten Kosten (von Zeit, Raum, Geld) und theoretisch wiederholbare \u201eBest Practices\u201c f\u00fcr Jahresberichte und Vortr\u00e4ge. In anderen Worten ist das, was Henri Lefebvre 1966 als ein Fehldenken der westeurop\u00e4ischen Planung bezeichnete \u2013 die Reduzierung einer eigentlich weitergreifenden Funktion menschlichen Lebens auf das <em>\u201eBehausen\u201c<\/em>, oder das <em>\u201eBesitzen\u201c<\/em> eines \u201eeigenen\u201c Raums f\u00fcr die Organisation privaten Lebens \u2013, heute im globalen Ma\u00dfstab festzustellen. Der historisch gewachsene und wachsende anthropologische Umstand \u201eWohnen\u201c jedenfalls erstarrt; es wird am \u201eHabitat\u201c gebastelt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"left alignleft\" src=\"https:\/\/habitat-forum-berlin.de\/sites\/default\/files\/1.%20archi_homogen300px_0.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<h2>Globale Homogenit\u00e4t anstatt Differenz<\/h2>\n<p>Worauf beruht dieses Fehldenken? Ist ein aus dem 19. Jahrhundert \u201erecycelter\u201c Fortschrittsglaube \u00e0 la Corbusier, den die Moderne, wenn auch in abgewandter Form, vertrat, daf\u00fcr verantwortlich? Nein. Diesen haben historische Ereignisse und intellektuelle Bewegungen, nicht zuletzt die architekturinterne Diskussion der 70er, im Laufe des 20. Jahrhunderts dekonstruiert. Wissenschaftlichem Relativismus und poststrukturalistischer Philosophie stand dahingehend die postkoloniale Theorie mit ihrer Kritik an der Auferlegung westlichen Gedankenguts in ehemaligen kolonialen L\u00e4ndern zur Seite. Das Fehldenken beruht vielmehr auf das tief verwurzelte und schwer zu verabschiedende Postulat, nach dem \u201eFortschritt\u201c und \u201eEntwicklung\u201c das Endziel menschlichen Handelns seien. Zwar wird mit Blick auf weltweite Umstrukturierungsph\u00e4nomene allgemein erkannt, dass Fortschritt ungleiche Geschwindigkeiten hat. Allerdings hat diese Erkenntnis etwas Klagendes inne, wie ihr Einsatz in Diskussionen \u00fcber eine Verantwortlichkeit der \u201eglobalen Gemeinschaft\u201c gegen\u00fcber den \u201eEntwicklungsl\u00e4ndern\u201c zeigt. Was ist eigentlich so st\u00f6rend an den ungleichen Geschwindigkeiten des Fortschritts?<br \/>\nUngleich schnellen Fortschritt zu bedauern bedeutet nichts Anderes, als das Ideal eines gleich entwickelten und synchron weiterlaufenden Fortschritts zu begehren. Einem solchen Denken sind zwei Probleme immanent: Zum Einen wird die Entwicklung der entwickelten L\u00e4nder als Fortschrittsma\u00dfstab und -Parameter unhinterfragt verewigt. Die bilateralen Vertr\u00e4ge und internationalen Abkommen der Entwicklungszusammenarbeit mit ihren fragw\u00fcrdigen Zielen, Erfolgen und Beg\u00fcnstigten beruhen hierauf. Zum Anderen ist die darin enthaltene Annahme, dass sich die Menschheit gleichen Schrittes in eine Richtung bewegen w\u00fcrde, w\u00e4ren nur die bisher bestehenden Ungleichheiten beseitigt, anthropologisch fraglich und politisch naiv. Sie verkennt die Bedeutung kultureller Werte und ortspezifischer Gegebenheiten f\u00fcr gesellschaftliche Prozesse und gleichzeitig auch die Relation zwischen Fortschritt der einen und Unterentwicklung der anderen Seite.<br \/>\nSo ergibt sich der Paradox, dass \u201eDifferenz\u201c \u2013 essentiell gegeben zwischen und manchmal sogar innerhalb Individuen, Lebensstile, Denkrichtungen und, ja, auch Entwicklungsst\u00e4nde und Fortschrittsgeschwindigkeiten \u2013 hoch zelebriert, aber globale Homogenit\u00e4t realisiert wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"left alignleft\" src=\"https:\/\/habitat-forum-berlin.de\/sites\/default\/files\/2.%20inred300px_0.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<h2>Die Fortschritt-Falle<\/h2>\n<p>Die Schwierigkeit ist verst\u00e4ndlich. Erstens wird Fortschritt, in einem Teil der Welt, seit Generationen als Grundvoraussetzung menschlichen Daseins angesehen: Fortschritt ist \u201en\u00f6tig\u201c. Der Beitrag postkolonialer Studien hinsichtlich eines Umdenkens von globalen Hierarchien und einer st\u00e4rkeren Ber\u00fccksichtigung kulturraumspezifischer Gegebenheiten in westlicher Wissenschaft und Praxis ist indes leichter einzusch\u00e4tzen, als hinsichtlich einer eigenen Definition des \u201eGuten\u201c, N\u00f6tigen und Erstrebenswerten in den Exkoloniall\u00e4ndern selbst. Also wurzelt das Fehldenken in der immer noch dominanten Rolle des Westens in globalen Repr\u00e4sentationen.<br \/>\nZweitens ist der Anspruch, \u00fcbergreifend und dennoch differenzierend \u00fcber jenes Dasein zu reflektieren, tats\u00e4chlich \u00fcberfordernd. Als provisorische Rettung gilt das \u201eTransitorische\u201c. Zwar stimmt es, dass sich in einer r\u00e4umlich, und nicht mehr ausschlie\u00dflich zeitlich, aufgefassten Welt keine Dimensionen sondern Richtungen, keine Gr\u00f6\u00dfen sondern Kr\u00e4fte bzw. Kraftfelder, keine festen R\u00e4ume sondern Vektoren noch denken lassen. Das Betonen der Koexistenz der verschiedenen Geschwindigkeiten, ungleichen Entwicklungen und Entwicklungsst\u00e4nde im Transitorischen l\u00f6st allerdings nicht, sondern verschiebt die notwendige wenn auch schwierige Auseinandersetzung mit Differenz. Auf philosophischer Ebene ergibt sich daraus eine \u201eHomogenisierung\u201c von Zeit und Raum: Ihre Untrennbarkeit wurde zwar zu Recht begriffen, aber ersten entsprechenden Konzeptualisierungen folgten keine konsequent durchdachten Analysen. Auf der praktischen untermauert diese konzeptuelle Verwischung das Vertrauen darauf, dass alles wieder gut wird, <em>es ist ja lediglich eine Transitionsphase<\/em> (und f\u00fcr die unangenehmen Momente, wenn der Optimismus br\u00f6ckelt, gibt es immerhin Beruhigungsmittel: gut vertretbare, und rentable, technische L\u00f6sungen &#8211; her damit&#8230;.). Freilich bleibt der Begriff \u201eFortschritt\u201c samt der Gesch\u00e4fte, die in seinem Namen abgeschlossen werden, unger\u00fchrt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"left alignleft\" src=\"https:\/\/habitat-forum-berlin.de\/sites\/default\/files\/3.%20das%20wesen%20des%20wohnens300px_0.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<h2>Das \u201eWesen\u201c des Wohnens<\/h2>\n<p>Das beschriebene Problem m\u00fcndet in ein Denken nach Funktionen \u2013 die zwangsl\u00e4ufig ablenkend wirken \u2013 anstatt nach dem Wesen der Dinge, die wichtige Impulse f\u00fcr die Auseinandersetzung mit Differenz geben k\u00f6nnten. Damit ist es ein konzeptuelles, und insofern auch ein sprachliches Problem.<br \/>\nAuf dem Weg zu dem Wesen der Dinge besch\u00e4ftigen wir uns hier mit dem Wesen des Wohnens. Wir suchen in der Sprache, und folgen Martin Heidegger. 1) Wohnen ist Bauen, denn das Bauen nur vermittels einer ideellen Vorstellung dessen, was Wohnen bedeutet, geschehen kann. Die \u00fcbliche Sichtweise, die zwischen einem Bauen als Lieferung der \u201eHardware\u201c und einem Wohnen als das F\u00fcllen dieser \u201eHardware\u201c trennen w\u00fcrde, ist hier umgekehrt bzw. infolge einer etymologischen Suche korrigiert. Denn genauso viel wie \u201eerrichten\u201c bedeutet <em>bauen<\/em>auf der Erde sein, sich aufhalten, bleiben, hegen und pflegen. 2) <em>wohnen<\/em> addiert zur Bedeutung von bleiben und sich aufhalten eine Qualit\u00e4t dieses \u201eauf Erde Seins\u201c des Menschen, und zwar die Zufriedenheit, das Bewahrt- oder Geschont-Sein. 3) Bauten, <em>bevor<\/em> sie Funktionen erf\u00fcllen, sind als Dinge <em>versammelnde<\/em> Wesen, sie erlauben das Zustandekommen von Verh\u00e4ltnissen zwischen Menschen und zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Wesentlich gedacht weisen Bauten ihre eigentliche Bedeutung als Bewahrer und Schoner aus, als das, was das Wohnen erm\u00f6glicht.<br \/>\nVielmehr als Technik ist Bauen seinem Wesen nach das Erm\u00f6glichen des Aufenthalts des Menschen auf Erde in<em>Zufriedenheit<\/em>.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"left alignleft\" src=\"https:\/\/habitat-forum-berlin.de\/sites\/default\/files\/4.%20measure300px_0.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<h2>Menschenw\u00fcrdiges Wohnen f\u00f6rdern&#8230;<\/h2>\n<p>Insofern, als dass es nach einer <em>Ma\u00df-Nahme<\/em> geschieht und f\u00fcr die Architektonik, f\u00fcr das Baugef\u00fcge des Wohnens zu<em>vermessen<\/em> oder \u201edas Ma\u00df zu nehmen\u201c vermag, l\u00e4sst sich Bauen als Dichten denken. Viel eher als Abmessen mit fertigen Ma\u00dfst\u00e4ben und Verfertigen von Pl\u00e4nen hei\u00dft Bauen Wohnenlassen, oder <em>Prozesse<\/em> der Aneignung und Formgebung zuzulassen. Wer bestimmt dieses Ma\u00df? Architekten? Stadtplaner? Experten der Entwicklungszusammenarbeit, Soziologen, Anthropologen? Nicht prim\u00e4r: In einer Differenz zulassen wollenden \u201ekosmopolitischen\u201c Welt kommt ihnen eine andere Aufgabe zu. Sie sollten beobachten, sammeln, analysieren, erz\u00e4hlen, wie wir leben, wie wir wohnen oder auf der Erde sind, ohne anhand von Konstanten und Variabeln normierende und zwangsl\u00e4ufig simplifizierende Erkl\u00e4rungen liefern zu wollen.<br \/>\nHabitat zum Thema der eigenen Arbeit zu machen muss im 21. Jahrhundert heissen, Habitat <em>zum Thema<\/em> zu machen. Dabei steht es nicht nur westlichen Studierenden, Politikern und schlie\u00dflich der gesamten \u00d6ffentlichkeit zu, die Wohnsituation von Menschen in Megacities des \u201eGlobalen S\u00fcdens\u201c kennenzulernen: Warum sollten diese nicht \u00fcber die Wohnsituation verschiedener Menschen im Westen etwas wissen und dadurch lernen wollen? Ob das eigene \u201eRecht auf die Stadt\u201c zu fordern; ob st\u00e4dtische Entscheidungsprozesse demokratisch zu gestalten; ob das Wohnen zu vermessen; ob Lebensentw\u00fcrfe Anderer nachzuahmen oder doch abzulehnen: In allen Fragestellungen \u00fcber das Wohnen (wie \u00fcber das Leben) soll es uns darum gehen, eine Intuition, eine Ahnung der <em>M\u00f6glichkeit<\/em> verschiedener aber frei zu w\u00e4hlender Alternativen zu vermitteln. Wenn wir die Stadt als Ort verstehen, in dem Differenzen einander bekannt werden \u2013 als Ort der Austragung, Aushandlung und des Vergleichs von Differenzen \u2013, so kann das \u201eUrbane\u201c am begonnenen Jahrhundert bedeuten, dass Alternativen auch in urban<em>isierenden<\/em> Regionen bekannt und aufgrund informierter Debatten aktiv diskutiert, verglichen, gew\u00e4hlt (oder verworfen) werden.<br \/>\nDie Besch\u00e4ftigung mit Habitat \u2013 neudefiniert als einer Praxis, die ein freiheitliches und informiertes Bauen und Wohnen erm\u00f6glicht \u2013 ist alles Andere als hinf\u00e4llig: Sie erlaubt, die Bedingungen des wie auch immer wandelnden \u201eauf Erde Seins\u201c des Menschen zu ergr\u00fcnden. F\u00fcr das Habitat Forum Berlin erfordert dies ein tiefes Verst\u00e4ndnis von st\u00e4dtischen und allgemein Urbanisierungsprozessen in deren Verschiebungen, Transpositionen aber auch Br\u00fcchen, die dominante Entwicklungsmodelle und Vorgehen in Frage stellen.<\/p>\n<p>Menschenw\u00fcrdig ist Wohnen schlie\u00dflich dann, wenn es im Respekt der Wohnenden geschieht, wenn <em>sie<\/em> zum Frieden gebracht, geschont und bewahrt sind.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was hei\u00dft es, im 21. Jahrhundert Habitat zum Thema der eigenen akademischen, praktischen, k\u00fcnstlerischen, freiwilligen, Arbeit zu machen? In einem Jahrhundert, welches das so modische wie vage Adjektiv \u201eurban\u201c verdient hat? Und, z\u00e4hlt \u201eHabitat\u201c \u00fcberhaupt noch in einer von verbreiteter gew\u00e4hlter oder gezwungener Heimatlosigkeit gepr\u00e4gten Welt? 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